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14.03.2011

Diskussionsbeitrag zur GAP nach 2013

Änderungsvorschlag zur 2.Option


Die bevorstehende Reform der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik ist zweifelsfrei eine politische Mammutaufgabe, möchte man einen zukunfts- und mehrheitsfähigen Beschluss fassen, der eine Verbesserung des Status Quo erwirkt. In großen Teilen begrüße ich die bisherige Vorgehensweise und die im Konsultationspapier vom November 2010 vorgestellten Überlegungen, insbesondere die der 2.Option. Ich erlaube mir, hierzu meine Gedanken in 6 Thesen und die sich daraus ableitenden 3 konkreten Forderungen zu einem spezifischen Teilbereich der GAP Reform zu äußern.

Ein zentrales Ziel der europäischen Agrarpolitik ist die Versorgung der Bevölkerung mit regional erzeugten Nahrungsmitteln. Dieses Ziel hängt jedoch unmittelbar mit einer gesicherten Produktionsfähigkeit der Bauern zusammen. Aus meiner Sicht lassen sich folgende 3 zentrale Risikogruppen identifizieren, welche die Existenz der Agrarproduzenten und somit auch die Nahrungsmittelversorgungssicherheit in der EU gefährden: 

1.       Naturrisiken: Solange Großteile der Agrarproduktion unter freiem Himmel erfolgen, hängt die Existenz der Bauern und die Ernährungssituation der Bevölkerung von den Naturgewalten ab. Ein funktionierendes Wassermanagement, eine angepasste Verfahrenstechnik, Ernteausfallversicherung und die Möglichkeit zur Bildung von Rücklagen sind mögliche Maßnahmen der Landwirte, um diesen Risiken zu begegnen.

2.       Marktrisiken: Marktrisiken findet man in allen Branchen. Während jedoch der Großteil der Wirtschaftsproduktion „just-in-time“ und in immer kürzer werdenden Produktionszyklen erfolgt und somit schnell auf Marktschwankungen reagiert werden kann, ist die Landwirtschaft an den Takt der Natur gebunden. Der mitteleuropäische Produktionszyklus für Winterweizen beträgt beispielweise mindestens 9 Monate. In dieser Zeit wird nicht nur sehr viel Liquidität durch die Produktionsaufwendungen gebunden, sondern haben auch die Märkte weitreichenden Raum für enorme Preisveränderungen. Wer im schlimmsten Fall seine Betriebsmittel in einem hochpreisigen Markt kauft und dann seine Produktion 9 Monate später in einem abgestürzten Markt verkaufen muss, gelangt ohne entsprechende Reserven schnell an den Rand des Ruins. Als historisches Beispiel wäre hierzu das Landwirtschaftsjahr 2007/2008 zu nennen. Um diesem Marktrisiko wirkungsvoll zu begegnen, erfordert es vor allem ausreichender Rücklagen sowie die Möglichkeit, langfristiger Preisbindungen im Ein- und Verkauf.

3.       Arbeitskräftemangel: Mit der landwirtschaftlichen Produktion muss es möglich sein, ein Einkommen zu generieren, welches attraktiv genug ist, um auch hoch qualifizierte Mitarbeiter zu beschäftigen. Der Spruch „Wer nix wird, wird Landwirt!“ hat angesichts der erforderlichen Kenntnisse in speziellen Bereichen wie Verfahrens- und Lagertechnik, Biologie, Chemie, Betriebs- und Volkswirtschaft, Agrarrecht, Geoinformationssysteme, Meteorologie und Energiewirtschaft, um nur die wichtigsten zu nennen, längst an Bedeutung verloren. Hierbei ist es für Einzelpersonen mittlerweile unmöglich geworden, alle Wissensbereiche in der erforderlichen Tiefe abzudecken. Somit ist der Einsatz von internen und externen Spezialisten unumgänglich. Aber Spezialisten können nur beschäftigt werden, wenn ihnen ein entsprechendes Entgelt gezahlt werden kann. Ein solches Entgelt muss sich am Durchschnitt der Qualifikationsstufe und nicht an einem historisch bedingt geringen Branchendurchschnitt orientieren.

Neben dem finanziellen Einkommen spielen auch die Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle. In jahrzehntelangen Arbeitskämpfen entwickelte Errungenschaften wie Erholungsurlaub und Höchstarbeitszeiten können in der Landwirtschaft nur in größeren Organisationen gewährleistet werden. So amüsant Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ auch sein mögen, zeigen sie doch, wie unattraktiv die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft gerade für Frauen in kleinen Wirtschaften geworden sind.

Schaut man über den schon ohnehin sehr komplexen Tellerrand der EU hinaus, ist festzustellen, dass wir im globalen Vergleich gesehen, in einem klimatisch für die Agrarproduktion sehr begünstigten Teil der Welt leben. Auch die Menschen in Drittstaaten sind abhängig, von einer funktionierenden europäischen Landwirtschaft, die in der Lage ist, zu weltmarktfähigen Preisen zu exportieren. Dieser Verantwortung nachzukommen, bedarf es hoch effektiver und effizienter Produktionsverfahren, welche sich wie nachfolgend beschrieben fördern lassen: 

 4.       Einsatz moderner Verfahrenstechnik: Die mittels „Precision Farming“ bezeichneten Technologien bieten durch den gezielten Einsatz von Betriebsmitteln ein gewaltiges Potenzial hinsichtlich einer wirtschaftlichen Effizienzsteigerung und des Ressourcenschutzes. Zurzeit sind diese Technologien aber teils noch überteuert und unausgereift, wodurch ein Großteil dessen Potentials noch verschenkt wird.

Eine nicht minder potenzielle Technologie ist die Gentechnik. Während hier einerseits ein allzu großes Unwissen zu Recht Ängste schürt und somit den Einsatz in Europa bremst, sind doch genveränderte Produkte, beispielsweise über südamerikanische Sojafuttermittel, bereits Bestandteil unser aller Nahrung. 

5.       Auslastung der Maschinen, ohne Überlastung des Menschen: Erfahrungsgemäß ist die Landwirtschaft teils übermechanisiert. Dies entspringt sicherlich der Schwierigkeit der Landwirte sich untereinander zu organisieren, aber kann auch dem überdimensionierten Angebot der Landtechnikproduzenten angelastet werden. Diesem teils unnütz gebundenem Kapital stehen, wie schon oben beschrieben, oftmals auch kritische Belastungen der Menschen in der Landwirtschaft gegenüber. Wer verfahrensbedingt kein Wochenende hat, sich zeitlich keinen Urlaub leisten kann und nicht krank werden darf, macht früher oder später Fehler und wird Probleme haben, sich in strategischen Fragen zu orientieren. Die in der Arbeitsteilung und den Produktionskooperationen verborgenen Skaleneffekte gilt es zu heben.

6.       Diversifikation und wirtschaftliche Kreisläufe:  Um Einkommensausfallrisiken zu begrenzen, bietet es sich an, die Produktpalette zu diversifizieren. Besonders sinnvoll erscheint es, wenn sich die Produktionsverfahren gegenseitig unterstützen und dabei natürliche Ressourcen schonen. Diese Möglichkeiten findet man in der grünen Wirtschaft. Wenn beispielsweise ein Bauer auf seinem Land neben Getreide auch Futter anbaut, um seine Nutztiere zu ernähren und die entstehenden Fäkalien in einer Biogasanlage zu pflanzengerechteren organischen Dünger aufschlüsselt und dabei noch Energie produziert, dann hat dieser Bauer einen gut funktionierenden wirtschaftlichen Kreislauf entwickelt. Ein solcher Kreislauf sollte sich möglichst unter einem Dach und ohne große Transportwege realisieren lassen.

Diesen 6 zentralen Thesen nach, stelle ich also die folgenden konkreten Forderungen an die GAP nach 2013:

1.       Förderung unabhängig von der Betriebsgröße: Um den Anforderungen an eine moderne Landwirtschaft mit attraktiven Arbeitsbedingungen und einer optimalen Produktionsökonomie gerecht zu werden, bedarf es starker Strukturen. Die Kappung der Förderung für Großbetriebe schwächt die landwirtschaftlichen Strukturen und hindert Bauern daran, in einem natürlichen Prozess ihre individuelle optimale Betriebsgröße zu finden. In der gesamten globalen Wirtschaft suchen mehr und mehr Unternehmen eine neue Stärke in Fusionen und bereits Raiffeisen hat mit seiner historischen Genossenschaftsbewegung bewiesen, welche enormen Vorteile in Zusammenschluss und Kooperation liegen. Eine Kappung für "Großbetriebe" ist ökonomischer Unfug. Das Unvermögen der Politik, dem Wähler auch hohe Direktzahlungen kommunzieren zu können, darf kein Anlass zur Kappung sein.

2.       Möglichkeit zur Bildung von Rücklagen: Es gibt gute und schlechte Jahre in der Landwirtschaft. Geben Sie uns die Möglichkeit, in guten Jahren mittelfristige Drohverlustrückstellungen aus Wetterrisiken zu bilden, um auch durch die schlechten Jahre zu kommen, ohne am Tropf einer komplizierten und unkalkulierbaren Notfallförderung zu hängen. Denn die nächsten Missernten kommen so sicher, wie das Amen in der Kirche!

3.       Kopfprämie neben Hektarprämie: Schlaue Köpfe braucht das Land, um die bevorstehenden Herausforderungen der Agrarwirtschaft zu meistern. Eine nach Qualifikation gestaffelter Einkommenszuschuss hilft bei der Entwicklung arbeitsteiliger Strukturen und fördert somit neben der arbeitsintensiven Veredlung besonders die Schaffung von Arbeitsbedingungen, die auch in anderen Branchen Gang und Gebe sind. Die Landwirtschaft wird somit insgesamt attraktiver für den Arbeitsmarkt. Dies wiederum führt zur Entwicklung des ländlichen Raumes.

Bei diesen 3 zentralen Forderungen möchte ich es belassen. Auch wenn Themen wie Be- und Entwässerung, Ernteausfallversicherungen und die Praxiserprobung neuer Technologien sicher mehr Förderaufmerksamkeit bedürfen. Sollte es gelingen, diese 3 Forderungen in das bestehende Konzept der 2. Option zu integrieren, hielte ich die geplante Reform für eine wirklich runde Sache.

Veröffentlicht in der "Neuen Landwirtschaft" (09/11)


Von: Benjamin Meise

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