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05.11.2014

Milchpreis im Keller – Einlagerung gefällig?

Benjamin Meise, Geschäftsführer der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH über den „Hoffnungsfunken“ Eurex und ein virtuelles Milchlager zum Selberbauen. Ein Selbsttest.


Jiieeha! Da hat uns der Milchmarkt im Preisrodeo einen mächtigen „Bären“ aufgebunden. Ein paar Prozentpunkte mehr Angebot auf der einen Seite und ein Machtwort von Herrn Putin auf der anderen Seite genügten, um die Milchpreise zur Abwechslung wieder gehörig auf Talfahrt zu schicken. Die Daumenschrauben werden erneut geölt, die Telefone der Berater laufen abermals heiß, denn es ist die Zeit zurückgekommen, des Milchbauern erstes und wichtigstes Gebot gebetsmühlenartig zu wiederholen: „Ihr müsst Kostenführer sein!“ oder mit anderen Worten: „Billig, billiger, Milchviehhalter!“. Diejenigen, deren Kühe noch keine acht Zitzen haben, müssen sich zukünftig wieder das Geld für Tierwohl, Mindestlohn, Land, Nachwuchskräftesicherung und PR aus der Rippe mit der Aufschrift „Selbstausbeutung“ schneiden.

Neiderfüllt schiele ich zur Marktfrucht. Sind die Getreidepreise nicht kostendeckend, wird erstmal ganz entspannt eingelagert und auf bessere Preise gehofft. Denn billig verkaufen kann man ja immer noch. Jetzt bedaure ich, dass unser Milchtank nur für 24 Stunden reicht. Aber Moment mal, muss es denn immer gleich der Farbfernseher sein? Lagern ohne eigenes Lager — da geht doch was! Das Konzept vom „Papierweizen“ bzw.„virtuellen Getreidelager“ dank Warenterminbörse macht ja schon seit längerem die Runde. Aber funktioniert das auch für leicht verderbliche weiße Flüssigware?

Ich habe den Selbsttest gemacht. Ein Warentermindepot brauchte nicht mehr eröffnet zu werden, gehört ja nunmehr eigentlich neben Pflug und Dippbecher zur Grundausstattung eines jeden Landwirts. Da hab ich mir jetzt Ende September doch glatt 5 t Butter und 10 t Magermilchpulver an der Frankfurter Terminbörse Eurex mit Liefertermin April 2015 gekauft. Das entspricht der Menge an Fett und Eiweiß, die in etwa 100 t Rohmilch enthalten ist. Ist schon ein komisches Gefühl. Man liefert jeden Tag einen Lkw voll Milch ab und beginnt parallel dazu, das Börsendepot mit Milch zu fluten.

Wie dem auch sei. Mein „Papier-Milchpaket“ hatte zum Kauf einen Börsenwert von 37.000 €. Zeitweise gebunden habe ich dafür lediglich 4.000 €. Das Depot muss nicht gekühlt werden, ist quasi ohne teure Investitionen unbegrenzt aufrüstbar und die Milch wird auch nicht sauer. Mit etwas Glück steigen die Kurse in den nächsten sechs Monaten ein wenig und ich kann das Paket teurer verkaufen. Nur mal so zum Vergleich: Noch vor einem Jahr hätte ich für dieselbe Ware 53.000 € berappen müssen. Auf ein Kilo Rohmilch runtergerechnet, ergibt das eine Preisdifferenz von atemberaubenden 16 Cent/kg (53.000 € - 37.000 €)/100.000 kg). Diese 16 Cent entsprechen in etwa dem Preisverlust am Rohmilchmarkt, den wir in den letzten Monaten zu verkraften hatten.

Ob mein Kalkül aufgeht, wird sich im April zeigen. Angesichts der drohenden Superabgabe von bereits diskutierten 20 Cent/kg dürfte es bei einem Auszahlungspreis nahe der 30 Cent/kg für die meisten Produzenten unmöglich sein, auch nur die Futterkosten für die sanktionierte Milch zu decken. So ist zu hoffen, dass sich die Milchanlieferung bis zum Quotenende etwas abbremst. Sollten die Preise weiter fallen, kann ich meine Papier-Milch ja immer noch billig verkaufen — wobei aus der Erfahrung der letzten fünf Jahre die Luft bei den Milchpreisen nach unten dünner als nach oben erscheint. Damit ich Börsenverluste einfahre, müssten die Milchpreise deutlich Richtung 20 Cent/kg gewandert sein und wir haben dann ganz andere Probleme …

Für alle diejenigen, die mich jetzt als ketzerischen Spekulanten verdammen - vielleicht auch nur, um eine Entschuldigung zu finden, sich nicht näher mit dem Thema zu beschäftigen - möchte ich folgendes erwidern:

1. Ja, dieses Verfahren ist genauso spekulativ, wie das Getreide, das gerade massenweise auf den Höfen lagert. Und ich bin dabei aber auch nicht mehr Spekulant, als jeder andere Milchbauer, der bei unrentablen Milchpreisen nicht sofort die Herde verkauft und sein Melkzeug an den Nagel hängt, sondern stattdessen auf bessere Zeiten hofft.

2. Eine vernünftige und absolut nicht spekulative Strategie wäre es gewesen, sich vor einem Jahr kostendeckende 40 Cent/kg für die Milch und entsprechende Kraftfutterpreise abzusichern. Die aus meiner Sicht dafür notwendige Unterstützung der Molkereien blieb bisher trotz mehrfacher Anfragen und Bitten aus. In diesem Fall müsste man sich wahrlich keine Gedanken um einen virtuellen Milchtank machen.

Da ja bekanntlich nur ein voller Bauch ungern studiert, bleibt zu hoffen, dass wir uns zusammen mit den Molkereien im aktuell hereinbrechenden Preistal wieder intensiver mit den Möglichkeiten der Warenterminbörsen auseinandersetzen. Vielleicht heißt es ja irgendwann, dass ein guter Milchbauer eine leistungsfähige Herde, ein volles Konto und ein prall gefülltes (virtuelles) Milchlager hat. Bis dahin hoffe ich, dass nichts besser gegen niedrige Milchpreise hilft, als niedrige Milchpreise und drücke allen die Daumen auf bessere Zeiten.

Veröffentlicht im agrarmanager November 2014


Von: Benjamin Meise

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