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13.08.2016

Muss der Kindergarten in den Brunnen?

Leserbrief zu BauernZeitung 32/2016, S. 20, „Wo ist der Milchhahn?“


Meine lieben Milchgenossen!

Um eins vorab klar zu stellen: Ich bin sowohl ein Freund der genossenschaftlichen als auch der demokratischen Idee. Aber jede Medaille, sei sie auch noch so golden, hat eine Kehrseite. Im Falle einer Molkereigenossenschaft beispielsweise kann ihre Größe Entscheidungsprozesse hemmen.

Viele deutsche Großmolkereien befinden sich mit dem Ziel in Richtung international agierender und markenbetonter Fulliner möglicherweise auf dem richtigen Weg. Aber andere haben diese Ziele schon längst erreicht. Und es ist leider nicht das Privileg des „ewigen Zweiten“, mit überdurchschnittlichen Auszahlungspreisen zu punkten. Was leider noch zu oft fehlt, ist innovative Triebkraft und der Mut, neue Wege vor Anderen zu beschreiten.

Nun ist Innovation in den seltensten Fällen Ergebnis mehrheitlicher Entscheidungsprozesse, sondern vielmehr das Resultat individueller Kreativität. So wurde beispielsweise Amerika nicht entdeckt, weil sich alle einig waren, dass die Welt eine Scheibe ist. Auch das iPhone wäre nie entwickelt worden ohne den visionären Steve Jobs.

Abgesehen von der fehlenden Kreativität, können demokratische Entscheidungen durchaus auch eine Kehrseite der genossenschaftlichen Medaille darstellen. Demokratische Entscheidungen können, müssen aber nicht immer die besten Entscheidungen sein (siehe Brexit). Wie dem auch sei, es ist eine große Herausforderung, auf Fragen Antworten zu finden, die von einer breiten Mehrheit getragen werden und bestenfalls auch gegensätzliche Gedankenwelten abbilden, wie z. B. ein Kreisverkehr anstelle von Ampeln oder Einbahnstraßen.

Letztlich empfinde ich Hinweise, wie „Wem demokratische Entscheidungen der Genossenschaft nicht passen, kann ja austreten...“ zwar einerseits sachlich richtig, andererseits aber auch ziemlich dekadent, asozial und absolut undemokratisch. Stellen Sie sich vor, die Brexit-Sieger würden den EU-Freunden (fast 50% der Stimmen) ans Herz legen, das Land zu verlassen, wenn Ihnen der Ausgang des Referendums nicht schmeckt...

Am Ende ist es die Aufgabe der Geschichte, die sinnvollen von den weniger sinnvollen Entscheidungen zu trennen. In der Regel muss dann einfach auch mal ein Kind in den Brunnen fallen, um Veränderungen herbeizuführen. Bleibt zu hoffen, dass es dann aber auch bei einem Kind bleibt und es nicht erst eines ganzen Kindergartens bedarf.

Dauerhafte oder auch wiederholte absolute, wie auch relative Milchtiefstpreise sollten auf jeden Fall die Wahrnehmung eines jeden Molkereigenossenschafters schärfen. Zukünftig bestes Gelingen wünscht Hochtungsvoll  BENJAMIN MEISE

 Erschienen in der Bauernzeitung 33/2016. Den Artikel finden Sie hier.


Von: Benjamin Meise

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